Piraten und das Binnen-I
März 5th, 2010
Also zu dem Themenkomplex Feminismus, Binnen-I etc. wurde ja jetzt mal wieder 'ne Menge geschrieben, da eine Frau, die mit einem männlichen Vorstandsmitglied der Piratenpartei, welches durch piratenthemenfremde populistische Äußerungen auffiel, einen mittelmäßigen Song zur letzten Bundestagswahl trällerte, einen nicht minder populistischen (pseudo-)feministischen Aktionismus an den Tag legt. Allein diese Verbindung lässt mich stutzig werden und ich habe wenig Lust, solchen Spaltern weitere Publicity zu verschaffen.
Trotzdem reizt es mich, was zum Thema zu sagen. Meiner Meinung nach wird oft eine unausgereifte Begründung für das Nicht-Gendern der Sprache bei den Piraten angeführt. Es ist nicht nur "Wir Piraten glauben, dass wir nur auf Leistungsdaten schauen; eine Unterscheidung Pirat/Piratin konstruiert hier also eine Unterscheidung – Sexismus! -, der in der Partei so gar nicht existiert.", wie hier angeführt. Sondern die Unterscheidung Pirat/Piratin bzw. das Gendern allgemein wirkt meiner Ansicht nach sogar kontraproduktiv im Sinne der Gleichberechtigung. Warum? Ganz einfach weil es sprachlich nicht funktioniert. Es macht die Sprache zu komplex. Es klingt nicht gut. Es ist eine Stolperstelle in jedem Text. Daher wird es sich niemals komplett durchsetzen. So verwenden ja aktuell auch nur die Grünen, die TAZ und diverse Organisationen/Medien aus ähnlichen Bereichen diese Wortwahl (in Publikationen der Grünen kann man übrigens nachlesen, dass Terroristen oder Verbrecher NICHT gegendert werden, also nur die männliche Form angeführt wird – Haha).
Eine echte sprachliche Gleichberechtigung kann also auf diesem Wege nicht stattfinden. Es ist ja durchaus richtig, dass Sprache durch die patriarchalische Geschichte geprägt ist. Auch ich fände es gut, wenn dem nicht so wäre – aber es ist nun mal so und weder die ständige Aufzählung beider Geschlechter noch das Binnen-I können es ändern, da beides zu holprig klingt. Diese Praxis kann also höchstens auf ein Problem aufmerksam machen, es aber nicht beheben. Nun ist es also so, dass diese Stolpersteine in Texten ständig auf den Unterschied zwischen Geschlechtern hinweisen, wo man gerade mit ganz anderen Gedanken beschäftigt ist, nämlich den eigentlichen Text zu verstehen, den man gerade liest. Es ist doch sonnenklar, dass jeder Mensch, der sich nicht den Feminismus als Haupt-Betätigungsfeld ausgesucht hat, irgendwann entweder völlig genervt von der Thematik ist und mit Ablehnung reagiert oder sie aus der Wahrnehmung ausblendet. Damit wäre dann das Gegenteil erreicht von dem, was angeblich erreicht werden soll, was ich als kontraproduktiv bezeichne.
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1. Markus B. | März 5th, 2010 at 15:37
Richtige Argumente gut dargelegt.
War ich vor ein paar Tagen noch der Meinung, dass für die Piratenpartei diese Diskussion sehr unsinnig und unnötig ist, meine ich jetzt, dass diese Diskussion sowohl für die Piratenpartei als auch für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein echter Gewinn ist.
Denn es wurde schon lange nicht mehr so breit und tief über Feminismus und Gleichberechtigung diskutiert wie jetzt. Und ja, gerade weil die Diskussion jetzt nicht mehr (nur) die "alten" Feminismuskämperinnen führen, die mitllerweile die Wahrheit gepachtet haben, ist diese Diskussion derzeit so interessant. Jetzt wird endlich einmal wieder von vorher Unbeteiligten verlangt sich darüber Gedanken zu machen!
Das infolge dessen die alten Zöpfe des Feminismus wie Binnen-I, Frauen-Quote und Extrabehandlungen (Aushebelnd des Transparenzverbotes durch eine geschlossene Mailingliste) unter die Räder zu kommen scheinen, ist ganz sicher kein Resultat der chauvistischen Welt.
Es gibt allerdings auch wirklich (noch) Benachteiligungen der Frauen. Z.B. schlechtere Durchschnitts-Bezahlung.
2. Musikdieb | März 5th, 2010 at 23:35
@Markus B.: Sicherlich richtig, dass es (noch) Benachteiligungen gibt. Im konkreten Fall sollte auch immer Gleichberechtigung und Gleichbehandlung gefordert werden. Aber im abstrakten Allgemeinen kann dies auch nur für den einzelnen Fall, das Individuum, gefordert werden. Im Allgemeinen geforderte Maßnahmen wie Quoten oder Sprach-Genderung können meiner Meinung nach auch kontraproduktiv wirken. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen ist zumindest nicht erwiesen. Man kann sich darüber streiten. Da sich bei den Piraten schon genug gestritten wird und Feminismus kein Kernthema ist, bin ich ehrlich gesagt gegen eine allzu große Diskussion über das Thema. Ich hatte meinen Artikel ja extra auch auf die Thematik "Binnen-I" bzw. "Gendern" der Sprache beschränkt, da man dies durchaus mal losgelöst von der grundsätzlichen Gleichberechtigungsdebatte hinterfragen kann bzw. sollte, um zu überprüfen, ob es dem Ziel der Gleichberechtigung wirklich (noch) zuträglich ist. Über Quoten müsste man sich dann auch nochmal genauere Gedanken machen. Aber den Artikel schreibe ich erst, wenn das Thema bei den Piraten aufkommt…
3. Azundris | März 8th, 2010 at 23:49
"Jetzt wird endlich einmal wieder von vorher Unbeteiligten verlangt sich darüber Gedanken zu machen!"
Klasse Idee in deren Zug wir auch die Piratenpartei auflösen sollten; Netzfragen können dann ja von unbeteiligten alten Leuten mit Kugelschreibern entschieden werden.
4. Musikdieb | März 9th, 2010 at 01:06
Aargh. Ehrlich gesagt habe ich was gegen die "Netzpartei" Piratenpartei. Die Piratenpartei wurde gegründet als Reaktion auf die Bestrebungen zu Gesetzesverschärfungen im Zuge der Filesharingbekämpfung. Natürlich sind es internetaffine junge Menschen, die als erstes auf diesen Zug aufspringen, da sie diese Thematik bzw. deren Wichtigkeit am ehesten begreifen. Aber Kernthema ist nicht "Internet" sondern Urheber- und Patentrecht auf der einen Seite und Erhalt der Privatsphäre auf der anderen Seite.
Für meinen Geschmack hat sich die Piratenpartei Deutschland schon viel zu weit über diese Kernthemen hinausbewegt, was an einem gewissen Hype der Partei liegt, der hier zu verzeichnen ist. Aber das ist die typische Kernthemendiskussion, die ich jetzt nicht weiter ausbreiten will…
Aber zum Thema: Den Vergleich Gleichberechtigungsfragen/Netzfragen verstehe ich nicht so ganz. Ich verstehe Markus B. Aussage so, dass er es gut findet, dass sich bisher Unbeteiligte jetzt mal der Thematik auseinandersetzen. Es wäre doch auch gut, wenn sich die Internetausdrucker mal etwas mehr mit dem Thema Internet auseinandersetzen würden. Warum soll ich z.B. mich also nicht mit Genderfragen auseinandersetzen dürfen?
5. Azundris | März 15th, 2010 at 07:57
Meinst Du "auseinandersetzen" wie in "sich schlau lesen und Leute fragen, die sich damit auskennen (aber ggf. nicht böse sein, wenn die gerade etwas besseres zu tun haben)", oder wie in "einfach mal daher labern, was mir gerade bar jeden Vorwissens in den Sinn kommt, und das dann 'Meinung' nennen"?
Ich frage das ohne Arg, da ich selbst eher das erste darunter verstehe, aber ständig das zweite sehe. Das ist insbesondere deshalb verblüffend, weil "einfach mal die Klappe halten und Zuhören" eigentlich der allererste Schritt ist wenn man privilege begriffen hat und sich dann plötzlich (oft auch in Bezug auf den jeweiligen Gesprächsgegenstand) in der privilegierten Gruppe findet.
6. Musikdieb | März 15th, 2010 at 22:56
Also ich meine mit "auseinandersetzen" sich schlau machen, nachdenken, diskutieren und was eben so dazugehört um sich eine Meinung zu bilden. Und wo diskutiert wird, muss dann ja auch mal über Einzelmeinungen oder manchmal auch nur Begrifflichkeiten gestritten werden. Ein bestimmtes Vorwissen im Sinne vom regelrechten Studieren der Thematik würde ich nicht erwarten. Anstand und vernünftig begründete Äußerungen schon. Sich daneben zu benehmen ist natürlich in keiner Diskussion gerechtfertigt.
Wenn man über die Privilegien, die Männer haben oder nicht (mehr) haben redet, ist man natürlich mitten in der Gleichberechtigungsdebatte, die ich eigentlich vermeiden wollte. (Wollte ja nur übre diese Sprach-Thematik Binnen-I und so schreiben). Naja. Ansonsten ist mir letztens mal aufgefallen, Frauen haben zumindest ein Privileg. Sie müssen nicht Wehr- oder Ersatzdienst leisten. Das schaffen wir dann auch ab, ja?
7. Azundris | März 22nd, 2010 at 15:53
Ich würde durchaus nicht blockieren wollen, wenn da Menschen Wehrdienst nur für Männer doof finden und daher z.B. auf eine Berufsarmee hinwirken wollten. Es ist nur so, daß "Seht her, wir haben noch drei 'Männerprobleme' gefunden, bis das nicht gelöst ist kann es ja wohl nicht angehen, dass irgendjemand 'Frauenprobleme' zu lösen trachtet" arg nach Ausrede aussieht, ebenso wie "Hach, da hat jemand 'Terrorist' gesagt, ich darf also keinesfalls mehr 'Terroristin' sagen."
8. Musikdieb | März 22nd, 2010 at 17:19
Jetzt bin ich zwar doch mitten in der Genderdebatte, aber was soll's. Also: Meiner Ansicht nach werden Frauen und Männer aufgrund ihrer körperlichen Verschiedenheit immer mit unterschiedlichen Rollen konfrontiert sein. Man muss unterscheiden zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei.
Zu der Gleichberechtigungsdebatte gehört meiner Ansicht nach zwingend die Debatte um das Familienmodell, welches sich immer mehr auflöst. Ohne jetzt erstmal das Familienmodell werten zu wollen.
Momentan haben Frauen beide Optionen: entweder sich einen Mann suchen und versorgen lassen oder "Karriere machen" bzw. selber versorgen. Ich bin mit dem Gedanken der Gleichberechtigung groß geworden und wäre gerne Hausmann geworden, aber meine Lebensabschnittspartnerinnen hätten mir den Vogel gezeigt, wenn ich das Ansinnen geäußert hätte, dass sie mich finanziell versorgen sollen und ich dafür den Haushalt mache. Andersrum ist das aber durchaus (noch) üblich.
In der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht das Recht auf Arbeit, das einem Menschen "und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert". Jetzt wollen Frauen aber ihre Männer nicht durchfüttern, während Männer immer noch darauf schielen, eine Familie ernähren zu können. Sind da Konflikte nicht vorprogrammiert?
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