Die Zukunft des Musikmarktes
April 2nd, 2007
Irgendwo hatte ich schon mal von diesem Elektro-Label gelesen, welches dichtmacht und die Schuld zum größten Teil auf die "bösen Raubkopierer" schiebt. Jetzt schreibt auch Gulli darüber. Ein Tonspion-Artikel über die Strategie von Sony und die Tatsache, dass EMI seit heute dem DRM abschwört (Heise), lassen in diesem Zusammenhang einiges klarer erscheinen.
Gulli schreibt:
"Auch wenn man nicht alles unterschreiben mag was Stefan Herwig von Dependent verfasst hat, so kommt man bei einigen Punkten nicht darum herum die Thematik erneut zu durchdenken."
Da stimme ich zu. Ich würde relativ wenig unterschreiben, was die Labelbetreiber da sagen, aber erneut durchdenken möchte die Thematik gerne. Denn dass hier ein kleines Label dichtmachen muss, während Sony sich freut, dass Bands sich über Blogs selber schon soweit vermarkten können, bis sie reif für einen Major-Deal sind, sagt einiges.
Ich habe schon öfter den Gedanken geäußert, dass es sein kann, dass sich im Musikmarkt die freien Lizenzen bzw. kostenlose Downloads sozusagen als kostenloser Talentscout für die Musikindustrie entwickeln. Diesen Part haben ja bisher die Indie-Labels übernommen. Es war im klassischen Musikmarkt so, dass tatsächlich meist die Acts, die wirklich bekannt wurden, von den Majors aufgekauft wurden, nachdem sie von Indie-Labels groß gemacht wurden. Sicher gab/gibt es Ausnahmen. Manche Artists haben auch ihr eigenes Label gegründet oder sind irgendwann zu einem Indie-Label zurückgegangen, aber die Regel war doch eher andersrum. Auch der Labelbetreiber schreibt ja: "Unsere primäre Aufgabe ist es aus einem riesigen Wust von oftmals grottenschlechter Musik für euch die Perlen herauszupicken, von denen wir glauben, dass sie wirklich deutlich besser sind als andere, und die ein größeres Publikum verdient haben."
Nun übernimmt die Internet-Community einen Teil dieser Aufgabe des Rauspickens. Zum Beispiel über Blogs wie meins, da man anhand der Verbreitung in der Blogsphäre schon sieht, welche Musik gut ankommt. Ich glaube, die Veränderung im Musikmarkt durch die digitale Technik ist weniger im Filesharing zu suchen, sondern in der grundsätzlichen Loslösung vom physischen Tonträger. Dabei spielt Filesharing natülich eine Rolle, aber auch ohne Filesharing gäbe es gewaltige Veränderungen. Und es gibt ja Studien, die nahelegen, dass Filesharing sich nicht auf Verkaufszahlen auswirkt. Außerdem splittet sich der Musikmarkt immer mehr auf in dudelfunktaugliche Mainstream-Musik, in spezielle Club/DJ-Musik und sonstige verschiedene "Special-Interest"-Bereiche. Auch die verstärkte Selbstvermarktung unbekannterer Musiker macht einige Veränderungen aus. Dabei gibt es natürlich auch einen erneuten Verteilungskampf zwischen Major- und Indie-Labels. Major-Labels haben die nötigen Reserven, starke Veränderungen im Markt mitzumachen. Indie-Labels nicht unbedingt.
Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, dass ich den Indie-Labels das Perlen-Rauspicken zum Teil abnehme? Ich denke nein. Es mag sein, dass das eine oder andere klassische Indie-Label leidet, aber es entstehen ja auch etliche neue Netz-Labels, besonders im Bereich elektronisch erzeugter Musik. In der Spex wird auch der "subjektiv gefärbte Eindruck" geäußert, dass viele neue Kleinst-Labels entstehen. Manche Künstler, wie zum Beispiel Jammin Inc. setzen direkt auf CC-Lizenzen und freie Downloads, um bekannt zu werden. Es ist meiner Meinung nach völlig Ok, denen zu helfen und die Musik zu promoten.
Sony haben das erkannt. Es wäre gut, wenn auch die Indie-Labels das erkennen würden und nicht auf ihrer alten Rolle als Perlenraussucher beharren und auf die Filesharing-"Asis" schimpfen. Meiner Meinung nach ist hier aber auch der Gesetzgeber gefordert, die Weichen im Urheberrecht so zu stellen, dass nicht einseitig die Majors von der Veränderung im Markt durch digitale Techniken profitieren. Das geht aber nicht, indem man die alten Zustände auf Biegen und Brechen aufrechterhält, auch wenn dieser Wunsch aus dem Interesse der Labelbetreiber und der unter derem Vertrag stehenden Künstler sicher zu verstehen ist.
Man vergisst meiner Meinung nach bei dieser Diskussion zu oft, dass Verkäufe von Musik, sowohl auf Datenträger wie auch im Internet nur einen Teil des Musikmarktes ausmachen. Es gibt auch noch das Verlagsgeschäft, Konzerte, Merchandising etc. und natürlich ein Pauschalvergütung (Gema/GVL), über die Rechteinhaber auch noch Geld bekommen. Für die gesetzliche Weichenstellung ist letzteres am wichtigsten, wenn man nicht die Privatkopie verbieten will und den Nutzer bis in die Privatsphäre überwacht oder ihm das Recht nimmt, seine eigene Hardware so zu nutzen, wie er möchte. Alle anderen Veränderungen am Urheberrecht wirken sich doch eher langfristig aus, besonders wo man DRM jetzt wohl langsam wirklich als gescheitert ansehen kann – solange es keine "extremen" Veränderungen wären, wie zum Beispiel, wenn man Filesharing legalisieren würde. Aber so etwas könnte man in der aktuellen Situation ja auch nur im Zusammenhang mit Pauschalvergütung diskutieren.
Mir wird immer klarer, dass die Gema und GVL doch eine Schlüsselrolle bei der Sache haben. Sowohl deren Verhalten gegenüber freien Lizenzen wie auch der Verteilungsschlüssel sind die wichtigsten Stellschrauben, die von staatlicher Seite her vorhanden sind. Ich fände es wünschenswert, dass über Pauschalvergütung (Gema/GVL) auch frei lizensierte Stücke vergütet werden können. Dann würden auch Künstler, die sich selber bekannt gemacht haben – oder mit Hilfe von Netzlabels – gerechterweise etwas von der Pauschalvergütung abbekommen. Und insgesamt müsste die Gesetzgebung so vereinfacht werden, dass man ein Label betreiben kann, ohne eine Heerschaar von Winkeladvokaten zu beschäftigen. Das wäre für die Künstler und die Musik meiner Meinung nach erstmal das beste.
bs
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8 Comments Add your own
1. Falk | April 2nd, 2007 at 20:28
Ach die lieben Indies, ich wunder mich zwar grad, warum momentan das Thema um Stefan seine Aussagen wieder hochkocht (das ist seit Januar bekannt), aber was solls. Die Indies sind aus meiner Erfahrung heraus oftmals noch konservativer als die Majors. Bedingt auch, durch den enormen Leidensdruck, der durch ein nicht so enormes finanzielles Polster besteht. Da bleibt kaum bis überhaupt kein Raum für Experimente. Grad mit Stefan hatte ich diesbezüglich des Öfteren Diskussionen drum. Und schon da gewarnt, das nicht zu unterschätzen, was die Leute da im Internet mit Webradios, Blogs und Fanseiten reissen. Aber anstatt dies in die Promo konsequent einzubeziehen, blieb man der alten Linie (klassische Medien und Clubs) treu und wunderte sich dann, warum man immer weniger Menschen damit erreicht. Denn die, nach seinen Aussagen kaum relevanten Onlinemedien, haben dann ihm auch das Wasser für sein Label mit abgegraben, indem sie mit den Fingern auf Alternativen zu seiner (qualitativ hochwertigen) Musik verwiesen. Die oftmals ähnlichen Ansprüchen genügten und streckenweise in meinen Augen noch mehr Qualität und Potential besitzen.
2. Musikdieb | April 2nd, 2007 at 20:36
Genau diesen Eindruck hatte ich auch. Und besonders bei einem Elektro-Label ist ja das Online-Medium nicht zu unterschätzen, da die Zielgruppe, die sich sowas anhört, garantiert eine Computer- und Internet-affine ist. Das sieht man ja auch daran, dass die meisten Netzlabels Elektro-Labels sind. Klar, dass sich bsonders da auch was im klassischen Markt tut.
3. jamasi | April 2nd, 2007 at 23:50
Hi Musikdieb mich würde dein Feedback zu diesem Modell interessieren: http://wiki.piratenpartei.de/index.php/GEMA_2.0
Meiner Meinung nach ist dies das Modell, was am wenigsten Verwaltungsaufwand und Zwänge enthält und den Künstler wieder stärker in den den Mittelpunkt stellt.
Gruß,
jamasi
4. FALK stands for FUCK ART &hellip | April 3rd, 2007 at 11:36
[...] Langweilig-lamorjanten Düster-Elektro-Schrott gibts hier bei mir auch des Öfteren. Zum Beispiel von Flesh Field, einer der Bands, welche auf dem bald schliessenden Label Dependent Records veröffentlichten. Aber will ja eh keiner mehr hören, wobei es mich dann wundert, warum man sich überhaupt damit beschäftigt und das Thema jetzt wieder hochkocht. Und warum noch keiner auf die Idee kam, den Stefan mal anzurufen und mal mehr als nur das lesbare Statement zu erfahren…ach egal, diese Musik interessiert ja eh Keinen. [...]
5. Musikdieb | April 3rd, 2007 at 11:42
Hallo Jamasi, ich hatte es schon gelesen, wollte aber noch drüber nachdenken, bevor ich mein Feedback im Piratenwiki oder Forum hinterlasse… gut, dass du mich daran erinnerst.
Grundsätzlich finde ich die Idee gut, besonders wenn das zusätzlich eingeführt wird. Ein alleiniges Modell auf Spendenbasis lässt sich wohl kurzfristig und lokal nicht umsetzen. Das würde wohl auch den beteiligten Künstlern, Programmierern, Erfindern usw. zuviel Angst machen. Ich könnte mir zwar sogar ein System vorstellen, in dem so ein freiwilliges Spendenmodell ein wichtiger Teil ist und welches ohne den Handel mit Rechten auskommt, aber das ist "globale Zukunftsmusik", denke ich.
Aber im Wiki steht ja auch: "Auch, wenn eine Vergütung der Künstler für in der jetzigen Situation illegal erworbenen Werke allenfalls eine moralische Wiedergutmachung, nicht aber eine rechtliche Befreiung von Ansprüchen des Rechteverwerters darstellt, ist eine Einführung des hier vorgestellten Konzepts dennoch sofort sinnvoll, um die prinzipielle Notwendigkeit totaler Kontrolle der Datenströme zu widerlegen, bei Erfolg dem Künstler die Möglichkeit zu geben, von seiner Kunst zu leben, ohne eine Rechteindustrie zu finanzieren und so mehr Künstler aus der Abhängigkeit zu befreien." Das klingt doch recht sinnvoll, finde ich…
6. [fritz] | April 3rd, 2007 at 18:18
btw: bei gizmodo wird musikdieb als 'kompetente quelle' gelistet.
http://de.gizmodo.com/2007/03/31/ein_monat_riaaboycott.html
7. Musikdieb | April 3rd, 2007 at 19:09
Bin ich das etwa nicht?
Aber diese ehrenvolle Erwähnung ist natürlich ein Ansporn, etwas mehr bei meinem Kernthema Musikbusiness zu bleiben und nicht so viel über Raser- und Killerspiele oder ähnliches zu philosophieren. Da bist du kompetenter. Super-Artikel mal wieder: Gewaltmangel bedroht uns alle!
8. Podcast #2: U2 Album Leak&hellip | Februar 24th, 2009 at 18:06
[...] Norah Jones Biografie Zukunft des Musikmarkts [...]
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