Schanzenfest 2007

September 29th, 2007

von Carsten Hansen

Auf dem Mobilisierungs-Plakat zum diesjährigen Schanzenfest hiess es “Wir sind alle 129a – Wider den Absolutismus des Sicherheitsstaates”, hinterlegt mit einem Motiv der französischen Revolution. Angesichts einer immer absurder werdenden Normalität und dem Ausverkauf öffentlicher Räume und Institutionen schien uns das ein vernünftiges Motto. Der Musikdieb, Olly, Clary und ich beschlossen, zu diesem Anlass einen Teil des öffentlichen Raumes mit unserem Stand zu schmücken.

Da ein unangemeldetes, erklärterweise unkommerzielles Stadtteilfest offenbar einen Haufen Leute auf die Strasse zieht, sahen wir zu, dass wir schon um 6 Uhr morgens unser Equipment aufbauten: ein Tisch, eine HiFi-Anlage, acht Kästen Getränke (für uns und Gäste), und 100 CD's mit CC-lizensierter Musik zum verschenken. Mein bescheidener Beitrag zu einem freiheitlich orientierten Strassenfest bestand in der Beschallung der Susannenstrasse mit anständigem Hippie-Rock. Der Musikdieb spielte noch einen Haufen anderer Sounds ein, und das Ergebnis war ein ziemlich geiler Klangteppich. Es waren jede Menge nette Leute unterwegs, und im Laufe des Nachmittags entwickelte sich unser Stand zu einem kleinen Wohnzimmer (unbekannte Frau mit kleiner Umarmung: „Hier läuft die beste Musik!“).

Die Blase und der Wasserwerfer

Etwas surreal wurde das Ganze dann am späteren Abend, als Truppen behelmter Ordnungshüter immer wieder an unserem mit friedlich blinkender Lichterkette versehenem Stand vorbeistürmten, um sich die Kids mit den Feuerzeugen zu greifen. Aus unseren Lautsprechern dröhnte nämlich “Imagine” von John Lennon, gefolgt von Lou Reed's “Perfect Day”, während um uns herum ein wilder Kampf um was auch immer tobte. Die Anwesenden schätzten diese Blase der Geborgenheit, und müde blickten wir auf das absolut sinnfreie Chaos.

Interessanterweise sprach die taz hamburg am Montag von „Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei“. Also ich habe so einiges gesehen an jenem Abend, aber bestimmt keine Demonstration.

Unsere Stimmung schlug spätestens an dem Punkt um, an dem ein Wasserwerfer mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch die enge Susannenstrasse jagte. Es befanden sich zu dem Zeitpunkt noch viele alkoholisierte Menschen vor Ort und es grenzte unserer einhelligen Meinung nach an ein Wunder, dass hierbei niemand verletzt oder getötet wurde.

Keine Brände, keine Polizei

Zu den Bränden im Viertel: Mir ist klar, dass die juvenilen Verantwortlichen nicht wirklich einer freiheitlich orientierten und kommerzkritischen Szene zugerechnet werden können, sondern in dem Moment lediglich Dampf ablassen. Allerdings bezweilfle ich, dass das die Mopo-Leser am Montag genauso differenziert sehen konnten. Daher wäre es im Sinne des Viertels und seiner Kultur, wenn sich zumindest einige Gruppen aus der Flora hiervon klar distanzieren würden. Auch würde ich mir von noch mehr Anwohnern wünschen, dass sie entsprechend deeskalierend eingreifen. Um keine Missverständnise aufkommen zu lassen: ich war auch mal jung. Allerdings habe ich bei derartigen Anlässen darauf verzichtet, das Schanzenviertel in Brand zu setzen. Es kann nicht Sinn der Sache sein, alte Strassenkampf-Rituale zu etablieren. Ohne Brände gäbe es keine Rechtfertigung für derartige Polizeieinsätze, und damit auch keine anschliessende Diffamierung der Veranstaltung in der Öffentlichkeit.

Leider lassen sich (verständlicherweise) viele Menschen von derartig brachialen Polizei-Aufgeboten provozieren, was offenbar von Seiten der Unordnungshüter in Kauf genommen wird. So ganz entspannt war ich am Ende dann auch nicht mehr und konnte mir im Bierrausch die eine oder andere Tirade gegen die vermutlich anwesenden Zivil-Polizisten nicht verkneifen. Das Phänomen Zivibulle sorgt leider immer wieder für Irritation und Entsolidarisierung.

Wie auch immer: Peace, Leute! Ich freu mich auf den nächsten friedlichen, gemeinsamen Nachmittag auf der Strasse! Bleibt im Lande und werft (zumindest auf Strassenfesten) mit Blumen! Dank an die Initiatoren!

Auch interessant: Kommentare bei Indymedia


Flohmarkt


…mit allem was dazugehört


Bunt wie ein Bazar


Das mache ich auch gerne


Man beachte das Musikdieb-T-Shirt


Lecker indischer Nudelsalat von Clari


Vor der Flora


Ganz schön ermüdend, so ein Fest


Auch für Veganer ist gesorgt


…sowie für geistige Nahrung


Unser Stand am Nachmittag


Hier spielt die (freie) Musik


Bildauswahl und -unterschriften: Bernhard. Bilder von Clari, Olly, Bernhard. Bilder stehen unter CC-Lizenz.

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10 Comments Add your own

  • 1. Musikdieb  |  September 29th, 2007 at 22:39

    Super Artikel, Carsten!

    Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

  • 2. Carsten  |  September 30th, 2007 at 02:14

    Zitat: "Es kann nicht Sinn der Sache sein, alte Strassenkampf-Rituale zu etablieren."

    Selbstkritisch möchte ich hier noch hinzufügen, dass "Strassenkampf-Rituale" aus einer anderen Perspektive betrachtet durchaus ihren Sinn haben können: Sie schrecken Investoren ab und verhindern u.U. die von vielen Anwohnern abgelehnte "Yuppiesierung" des Viertels.

  • 3. Musikdieb  |  September 30th, 2007 at 08:17

    Das würde ich bezweifeln. Im Gegenteil. Die "Yuppiesierung" läuft doch so ab, dass erst mal eine Schar von Künstlern, Studenten und anderen schrägen Vögeln ein Viertel bevölkert. Diese Boheme bringt schon mehr Geld in's Viertel als die "Ur-"Anwohner. Diese Boheme findet es wahrscheinlich sogar cool, in einem Viertel zu leben, wo sowas passiert. Die "Yuppies" kommen dann erst nach denen, denn die finden es cool, in einem Viertel zu leben, wo Künstler, Studenten und andere schräge Vögel leben und bringen noch mehr Geld in's Viertel bzw. sind bereit, noch höhere Mieten zu zahlen. Aber worauf ich hinaus will: Die Studenten, Künstler etc. sind eben auch schon ein notwendiger Vorstep dieser Entwicklung. Und die weden durch "Strassenkampf-Rituale" eher angezogen als abgeschreckt.

    Was meinst du eigentlich mit "einer immer absurder werdenden Normalität " (im 1. Absatz)?

  • 4. Matthias  |  September 30th, 2007 at 09:45

    Aus der Straßenkampf- und Gentrifizierungsdebatte halte ich mich jetzt mal raus, aber einen Stand mit CC-Musik zu machen, finde ich genial. Bin gerade schonmal am Überlegen, wann und wo ich hier auch mal sowas machen könnte. Danke für die Anregung :O)

  • 5. Carsten  |  September 30th, 2007 at 15:27

    Hier noch was zur Gentrifizierungsdebatte: Von mir aus kann jeder, der will (Studenten und Künstler sowieso), ins Schanzenviertel ziehen. Problematisch wird's, wenn Senat und Investoren reiner Wirtschaftslogik folgen und Mietwohnungen zu Eigentumswohnungen werden oder bei Neuvermietung die Miete unverhältnismässig ansteigt. Das Luxushotel im Park unterstreicht den Trend. Mit "Yuppies" meine ich die Leute, die auf ihren dicken BMW und die schicke Boutique um die Ecke nicht verzichten können. Die würden sich hier nicht wohlfühlen, schätze ich, wenn das Preisniveau im Viertel Geringverdiener anspräche.

    Im Grunde sind das politische Entscheidungen, die geldgeilen Investoren Tür und Tor öffnen, die sich einen Dreck um die Menschen kümmern. Regelmäßige Randale könnte Investoren abschrecken (ich theoretisiere und plädier hier NICHT für Randale!!!). Mit "absurder Normalität" mein ich den Gefühlseintopf "Atomwaffen, Überwachungsstaat, Demokratie-Rückbau…….."

  • 6. Musikdieb  |  September 30th, 2007 at 16:47

    Alles klar, die "absurde Normalität" hatte ich beim ersten Lesen auch so verstanden. Nur beim 2ten Lesen dachte ich, eigentlich wird das grammatikalisch genaugenommen nicht ganz klar, ist aber vielleicht mal wieder spitzfindig…

    Es stimmt natürlich, dass "eindeutige" Yuppies sich ohne schicke Boutiquen wahrscheinlich nicht wohlfühlen würden, aber der Trend zur Gentrifizierung würde sich meiner Meinung nach nur verhindern lassen, wenn man eine komplett andere Wohnraum-Politik betreibt, eventuell sogar den Privatbesitz von Land/Wohnraum in Frage stellt. Ansonsten doktort man auch nur an den Symptomen rum, egal was man für eine Politik betreibt. Denn die ersten Anzeichen für "Yuppiesierung" sind doch schon, wenn der Döner 50 Cent teurer ist als in Altona oder jemand eine Wohnung teurer untervermietet als er sie gemietet hat, also der "geldgeile Investor" im kleinen Mann. Und das kann man auch durch entsprechende Politik nicht verhindern. Und daran ist auch die Flora mit "schuld", denn durch diese wird das Viertel ein wenig mehr zum Kiez, was sich eben in steigenden Dönerpreisen etc. niederschlägt.

    Aber stimmt schon, die Stadtentwicklungspolitik ist natürlich schon gefragt, das möglichst nicht noch zu unterstützen. Anstelle dem Luxushotel im Park hätte ich auch lieber eine Bücherhalle, ein Museum, oder sonst irgendeine öffentliche Einrichtung gesehen. Das hätte echt nicht sein müssen. Eine Elbphilharmonie bauen und dann soll kein Geld da sein, um so ein Türmchen zu renovieren? hahaha

  • 7. Carsten  |  September 30th, 2007 at 18:20

    Hey, lieber Musikdieb, noch n Beitrag. Sorry, das passt nicht so GANZ DIREKT zum Thema geistiges Eigentum, aber als Rand-Thema geht datt schon.

    Danke für den Vergleich Elbphilharmonie – Türmchen, hihi!

    Das Netz ist voll von aufschlussreichen Meldungen und Kommentaren, wie das Ganze wahrgenommen wird und wie (meistens) sinnlos polarisiert wird, wie z.B. bei der Sueddeutschen:

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/509/134255/

    Hier wird schon in der Einleitung unterschlagen, dass das Fest, wenn schon keine Demonstration, so doch PER SE eine Protestaktion war. Es klingt, als habe "die Linke" das Fest "erobert", dabei waren es genau diese Menschen, die das Fest ermöglicht haben, und es bewusst nicht angemeldet haben. Eine behördliche Anmeldung, hab ich mir sagen lassen, hätte einer Kaution in Höhe einiger tausend Euro bedurft. Manche Journalisten scheinen nicht die Zeit zu haben, vernünftig zu recherchieren. Aber danke, Internet, für die Möglichkeit von Leser-Kommentaren.

    Genau, "Mein Haus" und "Mein Land" sollte der Vergangenheit angehören. Es ist unser Land. Die Gentrifizierung ist in vollem Gange, die Glaspaläste offenbar in Planung (angeblich Ecke Altonaer Straße/Schanzenstraße. Kneipe Machwitz, 2 Bioläden und Schuster müssen demzufolge abgerissen werden, jetzige Mieter können später wieder reinziehen zum fünffachen Mietpreis).

  • 8. Carsten  |  September 30th, 2007 at 18:45

    oh mir fiel noch ein, für keine Missverständnisse:
    natürlich meinte ich nicht die Randalierer mit denjenigen, "die dieses Fest ermöglicht haben"

  • 9. Musikdieb  |  Oktober 1st, 2007 at 08:48

    natürlich meinte ich nicht die Randalierer mit denjenigen, "die dieses Fest ermöglicht haben"

    Genau wegen dieser Verwechslungsgefahr wäre es doch gut, wenn sich die, "die dieses Fest ermöglicht haben" von den Randalen distanzieren würden, wie du ja auch schon sagtest.

    Genau, "Mein Haus" und "Mein Land" sollte der Vergangenheit angehören. Es ist unser Land.

    Ich bin ja gegen Kommunismus und Planwirtschaft. Aber Landbesitz zB. kann man (erstmal natürlich nur so als rein politische Theorie) in Frage stellen, finde ich.

    Die Gentrifizierung ist in vollem Gange, die Glaspaläste offenbar in Planung (angeblich Ecke Altonaer Straße/Schanzenstraße. Kneipe Machwitz, 2 Bioläden und Schuster müssen demzufolge abgerissen werden, jetzige Mieter können später wieder reinziehen zum fünffachen Mietpreis).

    Das ist natürlich schade. In dem kleinen Bioladen habe ich manchmal eingekauft. Der hat super Tee-Mischungen. Und das Machwitz auf der Ecke prägt ja auch schon recht lange die Kreuzung da. Ein Glaspalast würde da echt eine andere Note reinbringen, echt schade.

    Aber kann man sowas verhindern, solange Bauland ein Spekulationsobjekt ist? Sicher kann man da von seiten des Gesetzgebers bzw. des Senats an einigen Schrauben drehen, aber das Thema Stadtentwicklung, Mietrecht und so ist natürlich hoch komplex….

  • 10. Musikdieb  |  Oktober 1st, 2007 at 09:14

    Ach ja, hier noch ein interessanter Artikel, der unter anderem aufzeigt, warum (Rechts-)Populisten aus der Unfähigkeit der Linken und Liberalen, mit Themen wie Recht und Ordnung umzugehen, Kapital schlagen.

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