Quo Vadis Musikbusiness?
April 15th, 2008
Über die neue Urheberrechts-Änderung, einen Prozess gegen jemanden, der Promo-CDs weiterverkaufte, neue Geschäftsmodelle im Netz sowie mal wieder die "Kulturflatrate".
Gesetz zur besseren Durchsetzung geistigen Eigentums
Wie mir scheint wird sich mit der neuen Urheberrechtsänderung keine allzu große Änderung zur bisherigen Praxis ergeben. Der Jurist Patrick Breyer (AK Vorratsdatenspeicherung) beschreibt die Änderungen hier und sieht nach wie vor die Vorrastsdatenspeicherung als Hauptproblem. Ich denke, die nicht gerade sonderlich allgemeinverständlichen Regelungen – mit vielen Hintertüren – wälzen die Haupt-Last mal wieder auf die Gerichte ab, die in Zukunft über die Ansinnen der Industrie-Verbände entscheiden werden müssen. Dass ein CDU-Politiker einzelne Strafvervolger öffentlich rügt, die zu sehr im Sinne der Allgemeinheit und zu wenig im Sinne der Industrieverbände (Im Volksmund: Musikmafia) handeln, wirft die Frage auf, ob der gute Mann von eben diesen Verbänden oder von Bürgern dieses Landes auf seinen Platz gehievt wurde. Ich stimme mit Patrick überein, dass die Datenspeicherung an sich das Haupt-Problem ist, sehe aber auch den Auskunftsanspruch sehr kritisch. Die Formulierung, dass eine Rechtsverletzung „in gewerblichem Ausmaß“ den Auskunftsanspruch bewirkt, ist meiner Meinung mal wieder reine Augenwischerei. Was ist ein "gewerbliches Ausmaß"? Auf jeden Fall wohl etwas anderes als "gewerbliches Handeln". Auch das werden die Gerichte zu klären haben. Eine eindeutige Gesetzgebung ist das nun gar nicht.
Weiterverkauf von Musik-CDs
Zu einem aktuellen und relativ wegweisendem Prozess in den Staaten hat AX11 mal wieder den besten Kommentar parat: "Die ständige Neudefinition der Vokabel "dreist" seitens der Musikmafia und ihrer Forderungen wird für gewöhnlich durch ein korrespondierendes Beispiel an Dummheit in der Gesetzgebung begleitet." Muss ich als Musikkonsument demnächst mein ganzes Leben lang nachweisen können, wann ich welches Musikstück wo gekauft habe und darf keine Datenträger mit Musik verschenken oder wegwerfen? Hallo? Merkt irgendjemand noch irgendwas?
Geschäftsmodelle im Netz trotz Umsonstkultur
Jetzt wieder zu erfreulicheren Dingen: Neue Geschäftsmodelle im Netz. Naja, wirklich erfreulich leider auch nicht, da diese durch Monopole, Oligopole, Kartelle, Venture Kapital und Protektionismus daran gehindert werden, sich frei zu entfalten. Denn Monopole, Oligopole, Kartelle, Venture Kapital und Protektionismus setzen in der Regel auf kostenpflichtige Inhalte. Kostenpflichtige Inhalte lassen sich im Netz aber nicht durchsetzen. Wahrscheinlich müssen noch dutzendweise Blasen entstehen und wieder platzen bis das alle kapiert haben. Hoffentlich haben Lobbyisten und verblödete oder gekaufte Politiker bis dahin nicht das Netz als Kommunikationsplattform zerstört. Allen, die ein solches Geschäftsmodell im Netz planen, oder sich dafür interessieren, möchte ich den Artikel "Umsonstkultur im Internet zu großen Teilen systemimmanent" von Marcel vom Neunetz empfehlen.
Gestern hatte ich die Gelegenheit, ein solches Geschäftsmodell etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Ich war zu dem Startevent einer Internetplattform für Live-Konzerte eingeladen worden, namens Tempodome. Persönlich schreckte mich die scheinbar doch sehr große Nähe zur "Musikindustrie" etwas ab: Die ersten beiden gefeaturten Bands sind bei Universal unter Vertrag, das aktuelle Zielpublikum scheint mir recht jung, der finanzielle Aufwand recht hoch – also wenig Platz für anspruchsvolle Musik abseits des Mainstreams. Aber da das Thema Live-Streaming von Konzerten im Netz noch neu ist und definitiv ausbaufähig, werden die Jungs sicher ihre Nische finden. Und wenn sie es schaffen, Inhalte weiterhin kostenfrei anzubieten, indem sie von den Bands selber und von Werbekunden finanziert werden, ohne irgendwann von den Major-Labels und deren Verbänden aufgekauft oder unterwandert zu werden, dann halte ich das für eine gute Sache.
Kulturflatrate
Zum Schluss mal wieder das Dauerbrennerthema Kulturflatrate. Nun scheint ja Warner Music an entprechenden Plänen zu arbeiten. Auch ein hohes Tier bei Sony hatte schon mal in diese Richtung orakelt. Meine Vermutung: Die sehen ihre Felle davonschwimmen und klammern sich jetzt an dieses Thema, um nicht ganz pleite zu gehen (was meiner Meinung nach aber das Beste für die Musikkultur wäre).
Die entscheidenden Fragen zur Kulturflatrate sind folgende:
Ist eine Steuer wirklich das Richtige, um Musikaufnahmen zu finanzieren? Was ist mit Texten, Software, Fotos, Bildern, Filmen, und so weiter? Bekommen die auch alle eine Kulturflatrate? Wer kann das dann noch bezahlen?
Und wie soll das Geld verteilt werden? Die Download bzw. Konsum-Zahlen von Madonna und Co. kann man sicher repräsentativ ermitteln, da man davon ausgehen kann, dass jeder diese Superstars kennt. Aber Musik ist was anderes. z.B. Nachwuchskünstler, die erstmal nur in bestimmten Kreisen bekannt sind. Das kann ein bestimmtes lokales Gebiet sein, in dem der Künstler erstmal Konzerte gibt und bekannt wird. Das kann man einfach nicht repräsentativ erfassen. Denen nimmt man die Chance auf Teilnahme an den Einnahmen. Aber die großen Firmen können ihr Marketing so ausrichten, dass deren Nachwuchskünstler möglichst gut den Kriterien der "repräsentativen" Erfassung der "unabhängigen" Firma entspricht, die "gemeinsam im Besitz der Rechteinhaber wie Warner Brothers sein soll" .
Und wie soll eine Kulturflatrate erhoben werden? Als Abgabe auf Kommunikationswege (ISDN, DSL, UMTS, etc.)? Dann wäre sie eine Zwangsabgabe und zudem auch noch doppelt und dreifach, weil für jeden Kommunikationsweg einzeln bezalt werden müßte. Pro Haushalt? Dann würden Einzelpersonenhaushalte übermäßig viel zahlen.
Welche Kopien deckt die Kulturflatrate ab? Kopieren findet nicht nur im Internet statt. Ganze USB Festplatten mit Musik und Videos werden ausgetauscht. Also müßte die Kulturflatrate personengebunden erhoben werden und das zwangsweise, um alles abzudecken. Und dann zahlt jemand, der nur ein mal im Monat Musik hört genauso viel wie jemand, der sich den ganzen Tag berieseln lässt.
Wie wird die Höhe der Kulturflatrate bestimmt? Es gibt keinen mathematischen Algorithmus oder empirische Studien, da der Verlust durch "Raubkopieren" nicht zu beweisen ist.
Fazit: Eine Kulturflatrate ist in jedem Fall abzulehnen.
(Im Abschnitt über die Kulturflatrate habe ich teilweise Worte des Piratenpartei-Kollegen Elcon verwendet, der mir diese "Raubkopie" hoffentlich nicht übelnimmt
).
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