Es wird Zeit für freie Kultur

Dezember 5th, 2008

Das Bundesarchiv veröffentlicht jetzt Bilder unter Creative Commons, super! Aber dieser Rechtsstreit gibt mir zu denken. Richter müssen darüber entscheiden, ob sich Songs ähnlich genug sind, um als Plagiat zu gelten. Das kann doch nicht wahr sein. Ich habe mir die Songs genau angehört. Die Gitarrensoli sind sich tatsächlich sehr ähnlich und beim ersten Hören denkt man, klar, das ist "geklaut". Aber es gibt sehr viele Argumente, die dafür sprechen, dass es auch anders sein kann und noch mehr Gründe dafür, so etwas nicht als ewigen Streitfall vor Gericht zu behandeln.

Ich habe die beiden Soli mal grob nachgespielt. Sie folgen einem einfachen Grundschema, wenn man die Tonleiter (für den Laien verständlicher) mal als Zahlen darstellt, dann etwas vereinfacht so in etwa: 1-123 2-234 3-345 76 (als Noten am Beispiel Still got the Blues: f-fed e-edc d-dch ga, bei Jud`s Gallery in einer anderen Tonart). Was ich sagen will: Musik ist gefühlte Mathematik und manchmal ergibt sich eine längere Melodie aus dem Akkordschema des Songs sowie zwei Grundtönen und einer Art mathematischem Schema oder Muster, wie man vom ersten zum letzten Ton kommt. Wenn man dann noch bedenkt, dass sich auch die Gitarrensounds sehr ähneln (durch Verwendung bestimmter Effekte wie z.B. Verzerrer oder Delay sowie bestimmter Techniken wie z.B. Bendings), wodurch die Ähnlichkeit frappierend wird – aber so ein Gitarrensound nun wirklich absolut üblich ist, gerade in der Post-Jimi-Hendrix-Phase, und von niemandem beansprucht werden kann (wenn dann von Jimi :) ), dann finde ich, ist es einfach im Nachhinein nicht mehr feststellbar, ob Gary Moore hier tatsächlich plagiiert hat oder einfach ein Zufall vorliegt, der immer vorkommen kann. Klar ist die Sympathie bei der unbekannteren Band, und wenn ein berühmter Künstler einfach weil der die Präsenz in den Medien hat, mit einer Melodie 'ne Menge Kohle verdient, ärgert man sich, wenn man schon früher fast das Gleiche gemacht hat und unentdeckt bleibt. Klar gibt es gerade in Deutschland oder anderen Ländern, deren Musikkultur nicht so über den Globus verbreitet ist wie die der englischsprachigen Länder, viele Bands, die zu wenig gewürdigt werden. Und klar wird bei solchen Bands auch professionell "gewildert". Aber mir zeigt das, dass solche Streitigkeiten vor Gericht kaum zu klären sind, denn man kann eine Plagiatur hier meiner Meinung nach nicht mit genügender Sicherheit beweisen. Musiker haben sich immer gegenseitig inspiriert und es wird egal ob bewusst oder unbewusst eigentlich ständig plagiiert. Mein Kopf ist voller Melodien, die ich mal gehört habe. Wie soll ich denn überprüfen, ob irgendeine Melodie, die ich "erfinde", nicht vielleicht so oder ähnlich schon mal gespielt wurde? Vielleicht habe ich sie vor 5 Jahren sogar mal im Radio gehört, und die Melodie spukt jetzt unbewusst in meinem Kopf rum. Bin ich ein böser Plagiator, wenn ich ohne es zu wissen und ohne Absicht Teile davon unbewusst in meine Songs einbaue? Oder ist nicht Kultur vielmehr so entstanden, dass man GEMEINSAME Werte geschaffen und sich gegenseitig inspiriert hat anstelle sich zu verklagen? Wäre es nicht besser, Superstars wie Gary Moore, vor allem aber seine Plattenfirma verdienen einfach grundsätzlich etwas weniger und dafür bleibt auch mehr Geld übrig um Konzerte von lokalen innovativen Bands zu besuchen anstelle dass die sich gegenseitig jahrelang vor Gericht zerren? (Ohne den Ruhm von Gary Moore schmälern zu wollen, der ist schon ein Top-Gitarrist…)

Als Künstler sollte man sich bewusst sein, dass eigentlich das Meiste, was man schafft, aus Elementen besteht, die andere vorher auch schon mal so ähnlich gemacht haben. Ich denke, die meisten Künstler sind sich dessen auch bewusst, nur dürfen sie es ja nicht thematisieren, denn sonst werden sie in unserer auf Originalität fixierten Gesellschaft nicht als Künstler ernstgenommen. Wie man aus diesen Erkenntnissen, was ja im Grunde die Erkenntnisse der Open Source Bewegung sind, ein System schaffen kann, in dem kreative Leistungen gewürdigt und entlohnt werden, aber auch ein kultureller Austausch möglich ist, der weder vom Staat diktiert wird noch von geldgeilen Megakonzernen gesteuert, deutet sich mit freien Lizenzen an. Aber da muss noch einiges mehr passieren.

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13 Comments Add your own

  • 1. Michael  |  Dezember 5th, 2008 at 14:38

    Der Fall Gary Moore kommt mir aus den von dir detailiert ausgeführten Gründen spanisch vor. Ich meine, ohne die Originalversion aus 1974 kann man sich leider kein abschliessendes Urteil bilden. Die lag jedoch dem Gericht vor.

    Was aber doch seltsam ist: Warum dauert es zehn Jahre, bis sich Jud`s Gallery dazu entschliessen diesen Prozess zu führen? Still Got The Blues erschien ja bereits 1990, aber erst zehn Jahre später wurde Klage eingereicht…?

    Was du beschreibst ist mir im Kopf und im Proberaum schon so oft passiert. Man schüttelt ein Riff aus dem Ärmel und denkt sich, wie geil das doch ist. Dann kommt der Bandkollege als Spielverderber und tut das gute Stück mit "…das kenn ich von…" ab. Was willst du da machen? Alle deine Ideen mit den existierenden Tonträgern abgeleichen?

  • 2. Musikdieb  |  Dezember 5th, 2008 at 15:24

    Ich meine, ohne die Originalversion aus 1974 kann man sich leider kein abschliessendes Urteil bilden. Die lag jedoch dem Gericht vor.

    Würde ich ja gerne mal hören. Aber ich kann mir vorstellen, dass man sich auch dann keine abschließende Meinung bilden kann. Eigentlich müsste man Gary nachweisen, dass er den Song gekannt hat oder aber es müssten mehr Übereinstimmungen da sein als eine einfache Melodie und die Verwendung bestimmter Techniken. Ich finde, gerade dieser Fall ist echt ein gutes Beispiel für die ganze vertrackte Situation in dem Bereich, da kann man wirklich kaum ein Urteil fällen. Danke jedenfalls für den Artikel. :)

    Zu den möglichen Gründen, warum die 10 Jahre gewartet haben, dazu fällt mir gerade nichts ein.

    Was willst du da machen? Alle deine Ideen mit den existierenden Tonträgern abgeleichen?

    Ja genau, das ging mir ja auch hier durch den Kopf. Und darüber habe ich ja auch schon oft nachgedacht. Dieses Verständnis von "geistigem Eigentum" bewirkt doch letztlich, dass man sich selber kaum noch traut, ein einfaches Lied zu komponieren, da garantiert irgendwas daran an etwas schon Existierendes erinnert. Und je mehr von der Menschheit archiviert wird, um so häufiger wird man solche Ähnlichkeiten finden können.

    Mit Hilfe der Computertechnologie könnte man bald doch sogar schon solche Ähnlichkeiten aufspüren. Stell dir mal vor, eine Anwaltskanzlei entwickelt ein entsprechendes Computerprogramm und findet viele Fälle, in denen eine Ähnlichkeit besteht (der Gitarrist hat so wie du quasi "aus Versehen" ein Riff kopiert und es ist keinem Bandkollegen aufgefallen) und verklagt in Massenklagen die jeweils scheinbar plagiierenden Musiker. Schreckliche Vorstellung.

  • 3. Notendieb  |  Dezember 5th, 2008 at 16:04

    Sic transit gloria mundi.

  • 4. Musikdieb  |  Dezember 5th, 2008 at 17:25

    Dicebat Bernardus Carnotensis nos esse quasi nanos gigantum umeris insidentes, ut possimus plura eis et remotiora videre, non utique proprii visus acumine, aut eminentia corporis, sed quia in altum subvehimur et extollimur magnitudine gigantea.

  • 5. wils  |  Dezember 8th, 2008 at 12:30

    4 + 0 = 4 Richtig?
    Aber ich bekomme die Meldung das einfache Mathematik schwer ist. Der Kommentartext ist jetzt auch dahin. Nochmal schreiben tue ich mir jetzt nicht mehr an.

  • 6. Musikdieb  |  Dezember 8th, 2008 at 15:39

    Sorry, ich weiss auch nicht, was das soll. Das ist jetzt das dritte oder vierte mal, dass jemand das berichtet (in 2 Jahren). Sonst kommen alle Kommentare immer durch. Auch wenn ich es selber teste. Habe eben mal 10 Test-Kommentare geschrieben, alle sind durchgekommen. Andererseits scheint ja schon was dran zu sein. Werde bei Gelegenheit 'nen neuen Spamfilter installieren, aber momentan habe ich keine Zeit bzw. Ruhe dafür…

    Aber schade, hätte mich interessiert, was eine Bluesrockband dazu meint :-(

  • 7. wils  |  Dezember 8th, 2008 at 18:18

    Ok, überredet ;-)
    Also, was wollte ich sagen. Neue Songs entstehen im Kopf aus gespeicherten Soundschnipseln. Soundschnipsel bilden sich aus gehörtem, also bereits existenter Musik. Die Einmaligkeit eines neuen Songs entsteht durch die Kombination einzelner Soundfetzen zu einem neuen Gebilde.
    Anders ist es bei genanntem Rechtsfall. Dort wird ein markanter Teil eines Songs förmlich geklont. Das darf aus meiner Sicht nicht erlaubt werden. Wenn ein Song bereits veröffentlicht wurde, also jeder darauf problemlos Zugriff hat, dann kann es nicht sein, dass die Hookline für einen anderen Song verwendet wird.
    Anders ist es wenn ich im stillen Kämmerlein etwas komponiere, es aber nicht veröffentliche, höchstens ab und an mal Live spiele. Wenn dieser Song, oder dessen Hookline, plötzlich in den Charts auftaucht, wird die Rechtslage schwierig. Ich glaube diese Problematik kann man rechtlich nur vernünftig abdeckeln, wenn es jedem Musiker möglich ist, seine Werke unbürokratisch und kostenlos schützen zu lassen.
    Zum Fall Gary Moore. Ich kann mir nicht vorstellen, dass selbst ein Profimusiker es schafft sich eine Solosequenz von über 60 Sekunden Länge genau zu merken, wenn er die Sequenz bei einem Liveauftritt oder im Radio einmalig hört. Gary Moore muss also irgendwie an eine Aufnahme gekommen sein, oder die Melodie existiert nochmal, und beide Musiker haben darauf zugegriffen. Allein aus diesem Grund und die Tatsache, dass Hr. Winter erst 10 Jahre nach der Veröffentlichung von "Still got the Blues" seine Recht reklamiert hat, hätte ich als Richter Gary Moore frei gesprochen.

  • 8. wils  |  Dezember 8th, 2008 at 18:22

    Das Problem entsteht beim Spamcheck, wenn man zu lange benötigt einen Kommentar zu schreiben. Dann nimmt er das richtige Ergebnis nicht mehr an und tschüss. Das ist besonders ärgerlich, weil man in dem Fall ziemlich sicher viel Text geschrieben hat.
    Ist mir übrigens gerade wieder passiert, hatte aber den Kommentar vorher kopiert ;-)

  • 9. Musikdieb  |  Dezember 8th, 2008 at 19:22

    Cool, danke, jetzt weiss ich endlich, was da los ist mit dem Spamfilter :D Mal sehen, da muss ich wohl doch nen neuen Filter suchen. Mist, dabei habe ich jede Menge rumfrickeln müssen, um diesen hier zu integrieren… Aber vielen Dank für die Mühe, den Kommentar nochmal zu schreiben – ich finde, das war er auch wert.

    Zum Thema: Du sagst ja auch, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass Gary den Song gehört hat. Das würde ja bedeuten: Die Hookline ist sich extrem ähnlich, OHNE dass Gary den Song gehört hat. Dieser Fall zeigt dann doch gerade, dass genau das vorkommen kann. Wie kann man dann in einem anderen Fall, wo eine Aufnahme des Songs existiert und verbreitet ist, automatisch davon ausgehen, dass der zweite Song plagiiert wurde? Müsste nicht die Beweislast trotzdem beim Kläger liegen, und zwar in der Form, dass er beiweisen müsste, dass der zweite Interpret den Song tatsächlich gehört hat (was wahrscheinlich in der Regel ziemlich unmöglich ist, außer der Song ist wirklich extrem bekannt)?

  • 10. Musikdieb  |  Dezember 8th, 2008 at 20:23

    Also um das nochmal klarzustellen: Im Grunde geht es ja hier um die "Schaffens-" oder "Schöpfungshöhe". Falls der Erste Song die Schaffenshöhe erfüllt, sollte man davon ausgehen können, dass er sozusagen "einmalig" ist bzw. so komplex, dass es mit gegen Null tendierender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann, dass jemand anderes auf die gleiche Idee kommt. Das ist hier meiner Meinung nach nicht der Fall aus den im Artikel beschriebenen Gründen. Die Melodie kann sich wie gesagt aus dem Grundschema des Songs und zwei Tönen und einem "Muster" konstruieren. Alles andere in dem Song (Sound, Drums, Bass etc.) ist relativ klar nicht kopiert. Hier zeigt sich meiner Meinung nach, dass die besten und eingängigsten Melodien die Schöpfungshöhe oft gar nicht erfüllen, weil sie eben so genial einfach sind. Ähnlich ist es bei meinem Beruf als Designer. Es haben schon öfter Designer geklagt, weil ein Auftraggeber ein Logo hat entwerfen lassen und den Designer dann nicht vergütet hat. Der Auftraggeber hat Recht bekommen, weil ein geniales Logo eben meist so einfach ist, dass es nicht unter die Schaffenshöhe fällt. Es gehört aber trotzdem viel Arbeit und/oder langjährige Erfahrung dazu, sich zu beschränken und alle Ideen auf das Wesentliche zu reduzieren, um zu dieser einfachen Lösung zu kommen.

  • 11. wils  |  Dezember 8th, 2008 at 22:37

    Ich glaube tatsächlich nicht, dass Gary Moore den Song geklaut hat. Ich glaube aber auch nicht, dass diese Songlinie per Zufall zur gleichen Zeit parallel entstanden ist. Obwohl das Solo nicht schwer zu spielen ist, hat es doch einen ganz eigenen Charakter. Dieses Solo wurde zu 99.99999 Prozent von einem einzigen Musiker komponiert, fragt sich nur von welchem.
    Ansonsten geh ich mit dir konform. Das System muss erneuert werden. Allerdings hab ich keine Idee wie das funktionieren soll das jeder davon profitiert, der Musiker, der Konsument, die Plattenfirma, und alle, die da sonst noch dran hängen.
    Die Digitalisierung der Musik und das Internet bieten eine Menge Chancen neue Wege zu gehen, haben aber bislang hauptsächlich dazu geführt das Musik beliebig wird und ihren Wert verliert. Tonnen von Songs verstauben auf Festplatten, werden gesaugt aber nur selten gehört, wenn überhaupt.
    Musik ist durch die einfache und kostenlose Verfügbarkeit zur Nebensache geworden und dient nicht mehr zur Identifikation mit einer Lebenseinstellung.
    So, genug schwarz gemalt. Alles wir gut ;-)

  • 12. Musikdieb  |  Dezember 8th, 2008 at 22:54

    Amen :)

  • 13. Musikdieb  |  Dezember 8th, 2008 at 23:38

    Naja, obwohl ein klein wenig muss ich vielleicht doch noch hinterherhaken (Das Amen war auf das "Alles wird gut" bezogen ;-) ). Muss Musik denn zur Identifikation mit einer Lebenseinstellung dienen? Ist sie so entstanden? Ist das nicht der absolute Wahn, dass jede Jugend- und Subkultur sich durch Musik und Kleidung von anderen abgrenzen muss? Sollten wir nicht besser unsere EIGENE Identität finden als irtgendwelchen Leitbildern hinterherzuhecheln und dann doch der Konsumwelt auf den Leim zu gehen? Haben nicht schon die Sex Pistols den Great Rock'n'roll Swindle aufgedeckt? Kann nicht Musik GEMEINSAMKEITEN hervorheben als Unterschiede in der Lebenseinstellung? War Musik nicht mal Ausdruck von Gefühlen, die jeder hat? Musik für Hochzeiten, Musik für Trauer, Musik für's Erntedankfest, Musik für Geburten, Musik für alle Gelegenheiten?

    Der Mythos "Musik als Lebenseinstellung" kommt doch aus der Zeit, wo die ersten Massenmedien die Welt eroberten und hat sicher ihre Berechtigung – und z.B. in den 70ern auch ganz klar zu einem Gemeinschaftsgefühl und gemeinschaftlichen, friedlichen und von Liebe geprägten Lebenseinstellung beigetragen, aber spätestens da haben das auch die Konzerne erkannt und angefangen, diese Lebenseinstellung und das "Anders-sein-wollen" der Jugend zu vermarkten und seitdem fällt Generation für Generation drauf rein.

    Meine Lebenseinstellung jedenfalls lässt sich nicht durch EINEN Musikstil ausdrücken, dazu ist das Leben zu vielfältig. Und mit den 99,99% bin ich wie gesagt auch nicht einverstanden. Aber ich denke, grundsätzlich sind wir uns einig, Musik ist wertvoll, und alles wird gut.

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