Was für ein Wochenende II
September 14th, 2009
Berichte aus dem Schanzenviertel in Hamburg, wo das zweite Schanzenfest dieses Jahr stattfand erreichten mich diesmal nur recht spärlich. Ich war ja auf dem Piratencamp. Dazu weiter unten ein ausführicher Bericht. Auf der Demo Freiheit statt Angst in Berlin am Samstag, wo ich um ein Haar auch noch gelandet wäre, waren laut Veranstalter 25.000 Teilnehmer. Dort gab es am Rande mindestens einen Fall von Polizeibrutalität.
Dieser Fall erinnert mich stark an die Rangelei auf dem ersten Schanzenfest dieses Jahr, in die ich auch verwickelt war und wo der erste Teil dieser Serie stattfand. Die Rangelei deutete ich in diesem Bericht kurz an. Aber da der Vorfall nicht so gut dokumentiert ist und sich nicht so eindeutig darstellte wie der auf der Freiheit statt Angst Demo, verzichte ich auf ausführliche Kommentare, Dokumentation hier im Blog oder andere Maßnahmen.
Ich empfinde es ehrlich gesagt ein wenig als Genugtuung, dass durch den Fall in Berlin die Schwarz-Weiss-Sichtweise, die mir oft entgegenschlägt, von mehr Leuten hinterfragt wird – die Opfer mögen es mir verzeihen. Mit Schwarz-Weiss-Sichtweise meine ich "wenn da doch gewaltbereite Tendenzen sind, dann muß man die Polizei verstehen" genauso wie "wir randalieren wo es geht und bringen dabei auch eine friedliche Demonstration in Mißkredit". Randalieren hat auf der Freiheit statt Angst Demo wohl nicht stattgefunden. Es gab einen "antikapitalistischen Block", wo laut TAZ ein Lautsprecherwagen das Lied "Bullenschweine" (Slime) abspielte. Das ist natürlich nicht nett und ich verstehe sogar, dass man sich da als Polizist beleidigt fühlt, aber sind wir denn im Kindergarten oder was? In Österreich hat man für sowas scheinbar eine Art "Stinkefinger-Paragraphen", womit man dann allerdings auch schon mal einen Furz als öffentliche Störung deklarieren kann. In Deutschland muß scheinbar ein "Aufruf zur Straftat" herhalten, um eine Handhabe zu haben. Jedenfalls sollte auch die Polizei sich an die Spielregeln halten und Beleidigungen etc. nicht mit Brutalität beantworten sondern gegebenenfalls gerichtlich klären lassen. Anstachelung zur Gewalt finde ich selbstverständlich von keiner Seite richtig. Sollte so etwas aus den Reihen der Demonstrationsteilnehmer kommen, dann sollte die Polizei aber auch nicht mit Brutalität reagieren, denn wenn angesichts dieser dann jemand "Bullenschweine" ruft, kann ich diese Reaktion wiederum verstehen. Hier ist seitens der Polizei ein angemessenes, möglichst deeskalierendes Verhalten angesagt und natürlich jederzeit ein gesetzestreues Vorgehen, welches ja auch von den Teilnehmern eingefordert wird.
So, genug dazu. Zum Glück verlief dieser zweite Teil der Serie "Was für ein Wochenende" für mich persönlich ja entspannter als der erste, da ich diesmal nicht auf einer der Massenveranstaltungen war sondern auf dem Piratencamp, welches friedlicher und angenehmer gar nicht hätte verlaufen können. Aber es war dennoch bzw. gerade deswegen sehr fruchtbar, wir haben viele Standpunkte ausgetauscht und alle viel dazugelernt. Die Ergebnisse werden noch besser dokumentiert werden als ich es jetzt hier tue, aber wir brauchen natürlich auch noch ein wenig Zeit, um Videos zu schneiden oder im Gespräch gewonnene Erkenntnisse aufzuschreiben.
Ein paar Spontanbesucher aus der Region waren da, genug Piraten und Sympathisanten für interessante Sessions und um die Vorräte leer zu essen und trinken. Die Location, Bildungsstätte Bahnhof Göhrde ist super. Hier der Youtube Channel für die Videos, die Carsten aufgenommen hat. Dauert sicher noch was, bis alles online ist. Ich werde noch den ein oder anderen Text schreiben, aber auch das dauert noch. Erst mal nur eine kurze Zusammenfasung des Ablaufs.
Am Freitag haben wir uns zusammengefunden. Der Betreiber der Bildungsstätte Bahnhof Göhrde hielt einen Vortrag über die Bienenzucht, die er dort betreibt. Er fördert dort die Diskussion und Bewusstseinsbildung über Konflikte zwischen konventioneller Landwirtschaft und nachhaltiger Landwirtschaft, also eine durchaus politische Sache. Sehr interessant und aufschlussreich. Später fand dann ein netter Grillabend statt.
Samstag gab es dann eine Session über anonymes Surfen, später eine Session über die Musikkultur, die ich veranstaltete. Meinen Vortrag über die Musikkultur werde ich noch textlich zusammenfassen. Stay tuned. Ein Wagen fuhr vom Camp zur Demo, aber ich blieb dort, da sich auch Besucher aus der Region eingefunden hatten, und wir das Camp also nicht komplett verlassen konnten. Abends wieder Grillabend und Lagerfeuer, wo ich dann auch dazu kam, ein paar Songs auf der Gitarre vorzuspielen.
Sonntag Auswertung der Demoberichte. Außer den Demo-Rückkehrern, die vorher schon da waren, kamen wieder erwarten keine Demo-Teilnehmer mehr dazu, aber unsere Besucher aus der Region kamen teilweise wieder und der Tag war dann auch noch sehr ergiebig. Neben der Auswertung von Medien- und Augenzeugenberichten haben wir ihn mit Gesprächen verbracht und der Bienen-Vortrag wurde wiederholt, da Carsten ihn noch filmen wollte und noch nicht alle ihn gehört hatten. Dann war die Zeit um.
Dank an alle Mit-Organisatoren, Sponsoren, unseren Gastgeber und die Teilnehmer für's Kommen und Mitmachen. Nächstes mal wird's vermutlich voller, was sicherlich Vor- und Nachteile hat. Ein voller Erfolg war dieses Camp allemale.
Nachtrag:
Statt Bullenschweine hätten die Jungs besser mal das hier spielen sollen:
Entry Filed under: Hamburg, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Verschiedenes
Post to: del.icio.us, Mister Wong, yigg.de, Webnews
5 Comments Add your own
1. detru | September 14th, 2009 at 11:12
Hi,
ja, das Camp war genial
. Freu mich schon aufs nächste Jahr (evtl. können wir dann die Feuerstelle auf dem Zeltplatz nutzen, muss ich nich soweit laufen :p)
P.S.: "Außer den Demo-Rückkehrern, die vorher schon da waren, kamen wieder erwarten"
[ ]"wieder" -> im sinne von "schon wieder"
[x]"wider" -> dagegen
2. Musikdieb | September 14th, 2009 at 11:19
Oh danke für die Rechtschreibkorrektur. Und das mir, der ich mir einbilde, in halbwegs anspruchsvollem Deusch zu schreiben…:-[
Nächstes Jahr wird's sicherlich früher im Jahtr stattfinden und daher länger hell bleiben, und noch etwas wärmer und trockener sein, da können wir die Wiese beim Zeltplatz sicher in verschiedener Weise stärker nutzen als dieses Mal.
3. Die Schanze feiert....mei&hellip | September 14th, 2009 at 11:40
[...] Weitere Berichte über das Schanzenfest findet ihr u.a. hier, hier, hier und hier. [...]
4. der Osz | September 14th, 2009 at 12:48
Es gab da mal eine deutsche Punk-Band namens "Hass", die ein Lied mit dem Titel "Bulle" gemacht hat. Irgendwie trifft es das wie die Faust aufs Auge, sozusagen:
"Wer tritt dir da die Türe ein
Es ist der Bulle, das alte Schwein
Er haut dir die Keule ins Gesicht
Was du denkst interessiert ihn nicht
Bulle, Bulle ich sag es dir ins Gesicht
Was du verteidigst will ich nicht
Dein kaputter Patriotenstaat
Hält mich nicht vom denken ab
Links 'nen Knüppel, rechts 'ne Pistole
Du kennst nur die eine Parole
Vernichten und Zerschlagen
Nur nicht nach Ideen fragen
Bulle, Bulle ich sag es dir ins Gesicht
Was du verteidigst will ich nicht
Dein kaputter Patriotenstaat
Hält mich nicht vom denken ab
Stellt sich einer dir entgegen
Deinen Waffen kann er nicht entgehen
Hirnlos wie du nunmal bist
Hast du schon immer auf Freiheit gepisst
Bulle, Bulle ich sag es dir ins Gesicht
Was du verteidigst will ich nicht
Dein kaputter Patriotenstaat
Hält mich nicht vom denken ab"
5. Musikdieb | September 14th, 2009 at 13:51
Naja, gegen "gesunden" Patriotismus habe ich ehrlich gesagt nichts. Wer undifferenziert Patriotismus und Nationalismus oder gar Faschismus gleichsetzt, hat entweder einen Schaden oder will Bestrebungen für mehr Gerechtigkeit auf der Welt stören.
Ich mag Punks sehr gerne und bin zu einem gewissen Teil selber einer, aber wer gleichzeitig Fan einer Fußballmannschaft ist und Patriotismus ablehnt, benutzt seine Birne wahrscheinlich nur als Einfüllstutzen für Dosenbier.
"Patriotismus wird heute allgemein von Nationalismus und Chauvinismus unterschieden, insofern Patrioten sich mit dem eigenen Land und Volk identifizieren, ohne dieses über andere zu stellen und andere Völker implizit abzuwerten." Aus Wikipedia
Leave a Comment
Some HTML allowed:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Trackback this post | Subscribe to the comments via RSS Feed